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Cloud-Migration steht auf jeder Modernisierungs-Roadmap ganz oben – doch Anspruch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander. Die versprochenen Ergebnisse wie niedrigere Infrastrukturkosten, flexible Skalierung und schnellere Releases sind durchaus realistisch. Sie stellen sich jedoch nicht von selbst ein, sobald man auf eine neue Umgebung wechselt. Sie entstehen nur, wenn Teams die schwierigen Aspekte von Anfang an ernst nehmen und diese nicht nur planen, sondern konsequent umsetzen.
In allen Migrationsprojekten unserer Teams – von der Überführung eines histopathologischen Laborsystems von Oracle zur Google Cloud Platform über den Hyperscaler-Wechsel einer Sportwettenplattform bis hin zur Neugestaltung von Finanzdienstleistungsplattformen für künftiges Wachstum – tauchen immer wieder ähnliche Hürden auf. Sechs davon, und wie unsere Teams sie gemeistert haben, stellen wir im Folgenden vor.
Abhängigkeiten in alten Datenbanken entwirren
Die Datenbank ist fast immer der kniffligste Teil einer Migration – und ältere kommerzielle Datenbanken bilden dabei eine Kategorie für sich. Jahrelang gewachsene Stored Procedures, benutzerdefinierte Trigger, herstellerspezifische SQL-Dialekte und eng gekoppelte Anwendungen ergeben ein Abhängigkeitsgeflecht, das sich nicht einfach „heben und verschieben“ lässt, ohne nachgelagerte Fehler zu riskieren.
Die Migration eines Labordiagnosesystems von Oracle zu GCP – zu einem Zeitpunkt, als solche Umstellungen in Europa noch Neuland waren – bedeutete das: jede einzelne dieser Abhängigkeiten durchleuchten, bevor auch nur ein Datensatz übertragen wurde. Die zentrale Erkenntnis: Eine Datenbankmigration ist selten nur ein Datenbankprojekt. Ohne eine gründliche Analyse, wie jede angebundene Anwendung die Daten tatsächlich nutzt, und ohne sorgfältige Ablaufplanung, die kritische Ausfälle während der Umstellung verhindert, lässt sich die tatsächliche Datenarchitektur nie wirklich vollständig erfassen.
Was funktioniert: Erstellen Sie eine vollständige Abhängigkeitskarte, bevor Sie sich für eine Zieldatenbank entscheiden. Klären Sie frühzeitig, ob Sie einen gleichwertigen Wechsel anstreben (etwa von Oracle zu einer verwalteten Oracle-Instanz in der Cloud) oder eine tiefergehende Umstellung, zum Beispiel auf PostgreSQL. Die richtige Antwort hängt davon ab, wie viel technische Schulden Sie ins neue System mitnehmen möchten, statt sie jetzt durch Refaktorisierung zu bereinigen.
Was refaktorisiert wird – und was bleibt
Bei jeder Migration liegt die Versuchung nahe, entweder alles zu verändern oder gar nichts. Beide Extreme sind teuer. Ein reines Lift-and-Shift tauscht lediglich die Rechenzentrumsrechnung gegen eine Cloud-Rechnung. Ein architektonischer Mehrwert entsteht dabei keiner. Eine vollständige Neuprogrammierung hingegen treibt Zeitpläne in die Länge und erhöht das Risiko erheblich.
Beim Histopathologie-Projekt haben wir einen anderen Weg gewählt: Zunächst migrierten wir die Datenbank auf GCP und modernisierten anschließend das umliegende System – Backend, Infrastruktur, Deployment-Modell – schrittweise, sodass sich der Mehrwert sukzessive realisieren ließ. Der ursprüngliche Monolith wurde schließlich in containerisierte Microservices mit vollständiger CI/CD-Automatisierung überführt. Das passierte nicht auf einen Schlag, sondern erst, nachdem die Migration stabil lief.
Was funktioniert: Wenden Sie das bewährte 6-R-Framework (Rehost, Replatform, Refactor, Repurchase, Retire, Retain) Workload für Workload an. Nicht jedes System verdient eine Refaktorisierung. Manche sollten schlicht abgeschaltet werden. Wer diese Diskussion früh und klar führt, spart sich später teure Umwege.
Geschäftskontinuität während der Umstellung sichern
Bei bestimmten Systemen bedeuten Ausfallzeiten unmittelbare Umsatzverluste oder den kompletten Betriebsstillstand. Das gilt besonders für Diagnoselabore, Zahlungsplattformen, Wettmärkte, Produktionslinien und kundenseitige Finanzdienstleistungen, bei denen im Umstellungsfenster alles auf dem Spiel steht. Implementierungen ohne Ausfallzeiten sind hier kein „Nice-to-have“, sondern sind schlicht das Ziel.
Entscheidend ist, Datensynchronisation, Traffic-Routing und Rollback-Pfade von vornherein sorgfältig zu durchdenken. Die von uns durchgeführte Histopathologie-Migration ermöglichte ein ausfallfreies Deployment und war so strukturiert, dass der Kunde Leistungsgewinne erzielte, ohne sofort auf einen weiteren Technologiewechsel – etwa zu PostgreSQL – angewiesen zu sein. Diese Flexibilität entsteht nur durch sequenzielle Arbeitsplanung, bei der einzelne Schritte im Problemfall unabhängig voneinander rückgängig gemacht werden können.
Was funktioniert: Behandeln Sie die Umstellung als eigenständiges Teilprojekt. Etablieren Sie einen getesteten Rollback-Pfad, bevor der erste Produktionstransfer stattfindet, und führen Sie repräsentative Lasttests in der neuen Umgebung durch. Und das alles vor der Umstellung, nicht währenddessen.
Cloud-Kosten nach der Migration im Griff behalten
Das Pay-as-you-go-Modell ist eines der stärksten Argumente für die Cloud und gleichzeitig eine der einfachsten Quellen für überhöhte Ausgaben. Ohne aktives Cost Engineering, Billing-Alerts und konsequentes Monitoring zahlen Unternehmen in der Cloud am Ende mehr als im eigenen Rechenzentrum – und fragen sich, wo die versprochenen Einsparungen geblieben sind.
Echte Kostensenkungen entstehen durch kontinuierliche Arbeit: Instanzen richtig dimensionieren, Spot- oder reservierte Kapazitäten dort nutzen, wo Workloads es erlauben, Produktions- und Nicht-Produktionsumgebungen konsequent trennen und ungenutzte Ressourcen deaktivieren. Bei einer kürzlich abgeschlossenen Transformation einer Sportwettenplattform senkte gezieltes Optimieren der Staging-Umgebung die Kosten um 70 %; bei gemeinsam genutzten Ressourcen wurde eine Reduktion von 45 % erreicht. Diese Zahlen waren kein zufälliger Nebeneffekt der Migration. Sie entstanden, weil Kosten als technische Kennzahl behandelt wurden.
Was funktioniert: Etablieren Sie vom ersten Tag an eine FinOps-Praxis. Versehen Sie jede Ressource mit Tags, machen Sie eine Person oder ein Team für die Cloud-Rechnung verantwortlich und überprüfen Sie diese monatlich – genauso wie Sie die Verfügbarkeit überwachen.
Observability-Lücken schließen
On-Premise-Systeme verfügen oft über Monitoring-Strukturen, die über Jahre gewachsen sind. Sie mögen nicht perfekt sein, aber sie sind vertraut. Nach einer Migration geht dieses institutionelle Wissen verloren: Teams stehen plötzlich vor neuen Metriken, neuen Tools und unbekannten Fehlerquellen. Die Mitglieder brauchen Zeit, bis sie wieder so klar sehen bzw. so klar damit umgehen können wie vorher.
Observability (Beobachtbarkeit) muss von Anfang an mitgedacht werden. Logs, Metriken und Traces müssen aggregiert, Dashboards auf das ausgerichtet werden, was dem Team wirklich wichtig ist, und das Alerting so kalibriert sein, dass die Bereitschaftsrotation nicht im Rauschen versinkt. Bei der Migration der Sportwettenplattform war die Verbesserung der Observability ein explizites Projektziel – parallel zum eigentlichen Umzug. So sollte man es angehen.
Was funktioniert: Behandeln Sie Observability im Migrationsplan als erstklassige Aufgabe – mit eigenem Design, klaren Verantwortlichkeiten und definierten Abnahmekriterien. Wer in der neuen Umgebung nicht ebenso klar sieht wie in der alten, hat die Migration noch nicht abgeschlossen.
Wissenstransfer und Team-Enablement
Wenn ein Cloud-Partner das Projekt abschließt: Kann das interne Team die aufgebaute Infrastruktur dann wirklich eigenständig betreiben? Diese Frage entscheidet darüber, ob eine Migration ein einmaliges Vorhaben bleibt oder der Beginn eines dauerhaften Wartungsproblems wird. Eine Dokumentation, die erst am Ende und eher als Pflichtübung entsteht, beantwortet sie selten zufriedenstellend. Dokumentieren ist keine besonders glamouröse Arbeit – doch bei Migrationsprojekten ist sie unverzichtbar, um sicherzustellen, dass alles wie geplant läuft.
Beim Histopathologie-Projekt waren umfassende Dokumentation und gezielte Schulungen ausdrücklich Teil des Auftrags, damit das Team unseres Kunden vollständige operative Unabhängigkeit erlangen konnte. So haben wir verhindert, dass die neue Plattform zum nächsten Altsystem wird – abhängig vom Wissen eines externen Partners.
Was funktioniert: Integrieren Sie interne Ingenieure vom ersten Tag an ins Migrationsteam. Machen Sie Dokumentation und Runbooks zur Definition von „fertig“ für jeden Meilenstein. Führen Sie vor dem Go-Live Simulationsübungen durch, damit das Betriebsteam Fehlerfälle bereits geübt hat.
Was alle Herausforderungen verbindet
Betrachtet man diese Herausforderungen im Zusammenhang, wird deutlich: Keine davon ist ein isoliertes technisches Problem. Es sind Entscheidungen über Umfang, Reihenfolge, Verantwortlichkeiten sowie darüber, was Erfolg wirklich bedeutet. Die Migrationen, die gelingen, sind jene, bei denen diese Entscheidungen bewusst, frühzeitig und unter ehrlicher Einbeziehung derer getroffen werden, die mit dem Ergebnis leben müssen.
Cloud-Migration ist kein einzelner großer Schritt. Sie ist eine Folge kleinerer Schritte, von denen jeder gut oder schlecht ausgeführt werden kann. Teams, die das erkennen und ihren Plan entsprechend aufbauen, sind am Ende jene, die tatsächlich liefern, was die Präsentation versprochen hat.
Sie denken über eine Cloud-Migration nach und möchten Ihren Plan auf Herz und Nieren prüfen? Sprechen Sie mit unserem Expertenteam.
FAQ
Was ist der schwierigste Teil einer Cloud-Migration?
Die Datenbank. Das liegt daran, dass jahrelang gewachsene Stored Procedures, benutzerdefinierte Trigger, herstellerspezifische SQL-Dialekte und eng gekoppelte Anwendungen ein Abhängigkeitsgeflecht ergeben, das sich nicht einfach „heben und verschieben“ lässt, ohne nachgelagerte Fehler zu riskieren.
Was ist das 6-R-Framework?
Das 6-R-Framework steht für Rehost, Replatform, Refactor, Repurchase, Retire und Retain. Es ist eine häufig genutzte Strategie im Cloud Computing, wenn es darum geht, zu entscheiden, wie Anwendungen migriert und modernisiert werden sollen. Unternehmen greifen auf das 6-R-Framework zurück, da es darauf ausgelegt ist, Kosten und Leistung zu optimieren.
Wie lassen sich Cloud-Kosten im Griff behalten?
Es ist wichtig, aktives Cost Engineering zu betreiben sowie Billing-Alerts und konsequentes Monitoring zu implementieren. Darüber hinaus tragen folgende Maßnahmen zu niedrigeren Cloud-Kosten bei: Instanzen richtig dimensionieren, Spot- oder reservierte Kapazitäten dort nutzen, wo Workloads es erlauben, Produktions- und Nicht-Produktionsumgebungen konsequent trennen und ungenutzte Ressourcen deaktivieren.
Wie lange dauert ein Cloud-Migrationsprojekt?
Das hängt vom Umfang ab, aber die ehrliche Antwort lautet: länger, als die meisten Unternehmen ursprünglich planen. Ein reines Lift-and-Shift kann in wenigen Monaten abgeschlossen sein. Eine Migration, die eine Datenbankmodernisierung, die Überführung eines Monolithen in containerisierte Microservices und die Umschulung des Teams umfasst, erfordert in der Regel mehrere Quartale. Der größte Zeitfresser ist nicht die technische Arbeit selbst, sondern die Entdeckungsphase – das Entwirren von Abhängigkeiten in alten Datenbanken , die Entscheidung darüber, was refaktorisiert wird und was bleibt, sowie die Abstimmung mit den Stakeholdern. Teams, die im Vorfeld richtig investieren, sind insgesamt meist schneller fertig.
Was sind die größten Risiken einer Cloud-Migration?
Die drei Faktoren, die den größten Schaden anrichten, sind ungeplante Ausfallzeiten während der Umstellung , explodierende Kosten nach dem Wechsel und der Verlust von operativem Wissen, sobald das Migrationsteam das Projekt abschließt. Ausfallzeiten lassen sich durch Implementierungen ohne Ausfallzeiten und etablierte, getestete Rollback-Pfade vermeiden. Kostenüberschreitungen werden kontrolliert, indem eine FinOps-Praxis vom ersten Tag an als technische Kennzahl behandelt wird. Wissensverlust ist das am meisten unterschätzte Risiko. Der Weg, dies zu überwinden, besteht darin, interne Ingenieure vom ersten Tag an ins Migrationsteam zu integrieren, anstatt sie erst bei der Übergabe einzubinden.
Lohnt sich die Investition in eine Cloud-Migration?
Für die meisten Unternehmen, die Altsysteme betreiben, lautet die Antwort: Ja. Der eigentliche Wert entsteht jedoch selten durch die Migration selbst. Er entsteht durch das, was danach möglich wird: flexible Skalierung, schnellere Releases, automatisierte Deployments und die Möglichkeit, moderne Funktionen wie KI zu integrieren, ohne die Plattform vorher neu aufbauen zu müssen. Ein reines Lift-and-Shift tauscht zwar lediglich die Rechenzentrumsrechnung gegen eine Cloud-Rechnung, verändert aber nicht die Arbeitsweise des Unternehmens. Eine Migration, gepaart mit architektonischer Modernisierung, führt zu Mehrwerten, die den Aufwand rechtfertigen.
Über den AutorSzymon Majtas
KI-Ingenieur
Szymon entwickelt und implementiert KI-Systeme für globale Unternehmen in Europa und den USA. Mit mehr als fünf Jahren Erfahrung im angewandten maschinellen Lernen – in den Bereichen FMCG, iGaming, Logistik und Finanzen – hat er großangelegte Chatbots, Zeitreihenprognose-Pipelines und maßgeschneiderte ML-Lösungen in den Produktivbetrieb überführt. Seine Arbeit umfasst LLM-basierte Anwendungen, die mit LangChain auf Basis von Modellen von OpenAI, Anthropic und Google entwickelt wurden, sowie Prognose- und ML-Tools, die auf Azure und GCP bereitgestellt werden.

















